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Kalkulatorische Zinsen

 

Inhaltsverzeichnis

1. Argumente für den Ansatz kalkulatorischer Zinsen

2.  Restwert- und Durchschnittswertmethode

3. Ermittlung der kalkulatorischen Zinsen bei Anlagen mit Restwert (Schrottwert)

4. Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals

5. Bemessungsgrundlage für die kalkulatorischen Zinsen

 

1. Argumente für den Ansatz kalkulatorischer Zinsen

Zinsen sind das Entgelt für überlassenes Kapital. Wenn sich ein Unternehmer von einer Bank Geld zur Finanzierung von Maschinen, Grundstücken, Gebäuden o. Ä. leiht, muss er der Bank Zinsen zahlen. Diese gezahlten Fremdkapitalzinsen stellen in der Finanzbuchhaltung Aufwand dar und schmälern somit den steuerlichen Gewinn.

Als Grundlage für die Ermittlung der Selbstkosten und des Betriebsergebnisses in der Kostenrechnung sind diese effektiv gezahlten Fremdkapitalznsen jedoch ungeeignet. Der Kostenrechner ermittelt deshalb  die sogenannten kalkulatorischen Zinsen, die in ihrer Höhe von den effektiv gezahlten Zinsen abweichen.

Es gibt zwei Argumente, warum die effektiv gezahlten Zinsen für die Kostenrechnung keine geeignete Einflussgröße sind.

Argument 1:

Man stelle sich vor, zwei ansonsten völlig gleiche Unternehmen A und B unterscheiden sich lediglich durch ihre Finanzierungsstruktur: Das Unternehmen A finanziert sich ausschließlich mit Eigenkapital, das Unternehmen B mit 20 % Eigen- und 80 % Fremdkapital. Beide Untenehmen sind ansonsten völlig identisch und stellen auch die gleichen Produkte her.

 Finanzstruktur

 

Das Unternehmen A zahlt keinerlei Fremdkapialzinsen, während das Unternehmen B bei einem unterstellten Zinssatz von 5 % effektiv 40.000 € Zinsen zu zahlen hätte. Würden nun in der Kostenrechnung für die Kalkultion der hergestellten Produkte die tatsächlich gezahlten Zinsen verrechnet, so würden die Selbskosten der Produkte bei B um eben diese 40.000 € höher ausfallen als bei Unternehmen A. Die Höhe der Selbstkosten sollte aber in keinem Fall von der Finanzierungsstrktur eines Unternehmens abhängen.

 

Argument 2:

Verkauft ein Unternehmer beispielsweise Wertpapiere aus seinem Privatvermögen und bringt den Verkaufserlös in seine Firma als Eigenkapital ein, so kann er mit Recht eine Verzinsung dieses Eigenkapitals erwarten, die ihrer Höhe nach in etwa dem entspricht, was die Wertpapiere vor dem Verkauf am Kapitalmarkt erzielten. In der Finanzbuchhaltung ist für die Verzinsung von Eigenkapital jedoch keine Aufwandsbuchung möglich. Um dem Unternehmer eine angemessene Verzinsung seines investierten Eigenkapitals zu ermöglichen, verrechnet der Kostenrechner die sogenannten kalkulatorischen Zinsen, die in die Selbskosten der Produte einfließen.

Für die Ermittlung der kalkulatorischen Zinsen finden entweder die Restwert- oder die Durchschnittswertmethode Anwendung. Beide Methoden werden nun am Beispiel eines einzelnen Wirtschaftsgutes dargestellt:

 

2. Restwert- und Durchschnittswertmethode

Man stelle sich vor, in einem Unternehmen soll eine neue Maschine mit Anschaffungskosten von 100.000 € und einer Nutzungsdauer von 5 Jahren gekauft werden. Der Eigentümer des Unternehmens steht vor der Alternative, diese Maschine mit Fremdkapital zu finanzieren, für welches er selbstverständlich Zinsen zahlen müsste, oder Wertpapiere aus seinem Privatvermögen zu veräußern, die sich mit 10 % verzinsen. Er entscheidet sich für den Verkauf der Wertpapiere und bringt den Erlös in Höhe von 100.000 € in sein Unternehmen ein und erwirbt dafür am 2. Januar besagte Maschine. Die Maschine wird kalkulatorisch mit jährlich 20.000 € abgeschrieben.

Die Maschine wird zum Zeitpunkt des Kaufs durch Banküberweisung bezahlt, es sind also zum Jahresanfang die vollen 100.000 € Kapital in der Maschine gebunden. Nun wird mit dieser Maschine die Herstellung und der Verkauf des Produktes x aufgenommen. Die kalkulatorischen Abschreibungen sind korrekterweise bei der Kalkulation des Produktpreises von x berücksichtigt, d. h. sie erhöhen den Produktpreis. Wird x nun kontinuierlich im Lauf des Jahres verkauft, so sind am Ende des Wirtschaftsjahres dem Unternehmen liquide Mittel in Höhe der kalkulatorischen Abschreibungen von 20.000 € zugeflossen. Es hat also ein Mittelrückfluss von 20.000 € stattgefunden, die Kapitalbindung in der Maschine beträgt am Ende des Jahres nur noch 80.000 €. Im Durchschnitt des ersten Nutzungsjahres beträgt die Kapitalbindung in der Maschine also (100.000 + 80.000) / 2 = 90.000 €. Bei einem kalkulatorischen Zinssatz von 10 % beträgt die Höhe der kalkulatorischen Zinsen im ersten Jahr der Nutzung also 90.000 * 0,1 = 9.000 €.

Die gleiche Überlegung gilt auch für die folgenden Nutzungsjahre. Im zweiten Jahr der Nutzung beträgt die Kapitalbindung in der Maschine am Anfang des Jahres 80.000 €, am Ende des Jahres 60.000 €, im Durchschnitt des Jahres also 70.000 €. Bei einem kalkulatorischen Zinssatz von 10 % sind im zweiten Jahr der Nutzung also kalkulatorische Zinsen in Höhe von 7.000 € in Ansatz zu bringen usw. Diese Vorgehensweise bei der Berechnung der kalkulatorischen Zinsen bezeichnet man als Restwertmethode.

Die Durchschnittswertmethode basiert auf der gleichen Überlegung, ihr Betrachtungszeitraum ist jedoch nicht jedes einzelne Jahr, sondern die gesamte Nutzungsdauer: Am Anfang der Nutzungsdauer sind 100.000 €, am Ende der Nutzungsdauer 0 € in der Maschine gebunden, im Durchschnitt der gesamten Nutzungsdauer also (100.000 + 0) / 2 = 50.000 €. Es kommen also jährlich 5.000 € kalkulatorische Zinsen zum Ansatz. Die Ermittlung der kalkulatorischen Zinsen mit Hilfe der Durchschnittswertmethode erfolgt also nach folgender Formel:

Kalk. Zinssatz

Für das obige Beispiel:

 Zins

 

Die Ergebnisse beider Methoden sind in der folgenden Tabelle gegenübergestellt:

 

Ziöns

 

Über die gesamte Nutzungsdauer der Maschine ist die Höhe der kalkulatorischen Zinsen bei beiden Methoden gleich, sie beträgt jeweils 25.000 €. Da bei der Restwertmethode die kalkulatorischen Zinsen im Zeitablauf abnehmen, werden die einzelnen Perioden nicht gleichmäßig belastet, so dass unter der Annahme gleicher Produktionsbedingungen die Selbstkosten pro Stück von Jahr zu Jahr fallen. Bei der Anwendung der Durchschnittswertmethode sind dagegen die kalkulatorischen Zinsen im Zeitablauf konstant. Die Durchschnittswertmethode ist der Restwertmethode vorzuziehen, weil sie zwei Vorteile bietet:

  • Sie ist einfacher als die Restwertmethode
  • Sie bringt Kontinuität in die Kalkulation

 

3. Ermittlung der kalkulatorischen Zinsen bei Anlagen mit Restwert

Hat ein abnutzbares Anlagegut einen Restwert (Schrottwert), weil ein Verkauf der Anlage am Ende der Nutzungsdauer möglich ist oder ein Schrottwert vorliegt, so sind die jährlichen kalkulatorischen Zinsen nach der folgenden Formel zu ermitteln:

 

 Zins

 

Erläuterung:

Zwei Anlagegüter A und B sind zu jeweils 100.000 € angeschafft worden, beide haben eine Lebensdauer von 5 Jahren und die kalkulatorischen Abschreibungen werden linear auf die AK (weil AK = Wiederbeschaffungskosten) vorgenommen. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Anlagen besteht darin, dass A keinen Restwert und B einen Restwert von 20.000 € hat.

 

Zins

 

Die beiden Tabellen machen deutlich, dass der Mittelrückfluss bei Anlage A insgesamt 100.000 € und bei Anlage B nur 80.000 € beträgt. Am Ende der Lebensdauer von Anlage A ist kein Kapital mehr gebunden, während am Ende der Lebensdauer von Anlage B immer noch 20.000 € gebunden sind. Daher ist die Kapitalbindung in Anlage B über die gesamte Lebensdauer betrachtet um 20.000 € höher als die Kapitalbindung in Anlage A. Deshalb muss der Betrag an kalkulatorischen Zinsen bei Anlage B (jährlich 6.000 €) auch höher sein als bei Anlage A (jährlich 5.000). Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich bei Anlagegut B um die kalk. AfA handelt. Steuerlich darf bei der Bemessung der bilanziellen AfA der Restwert von Anlagegut B keine Berücksichtigung finden, d.h., dass der steuerliche AfA-Betrag auch bei Anlagegut B jährlich 20.000 beträgt.

 

4. Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals

Da es nun sehr aufwendig wäre, in größeren Betrieben die kalkulatorischen Zinsen für jedes Wirtschaftsgut einzeln zu bestimmen, geht man in der Praxis zur Ermittlung der jährlich anzusetzenden kalkulatorischen Zinsen einen anderen Weg:

Im ersten Schritt wird aus den Zahlen der Buchhaltung das so genannte betriebsnotwendige Vermögen ermittelt. Dieses besteht aus der Summe des Gesamtvermögens der Unternehmung abzüglich der nicht betriebsnotwendigen Teile. Nicht betriebsnotwendig können z.B. sein:

  • Aktien, die der Anlage vorübergehend nicht benötigter liquider Mittel dienen
  • Beteiligungen an anderen Firmen, die nichts mit dem eigentlichen Betriebszweck zu tun haben
  • Grundstücke, die spekulativ gehalten werden (Bauerwartungsland)

Sind aus dem Gesamtvermögen die nicht betriebsnotwendigen Teile eliminiert, so trennt man im nächsten Schritt das Anlagevermögen in den nicht abnutzbaren und den abnutzbaren Teil. Da nicht abnutzbares AV nicht abgeschrieben wird, gibt es hierfür auch keinen Mittelrückfluss in Höhe der kalk. Abschreibungen. Damit sind die vollen Anschaffungskosten bzw. Wiederbeschaffungskosten in diesen Anlagen gebunden und fließen somit auch vollständig in die Berechnung mit ein. Für den abnutzbaren Teil des AV dürfen dagegen nur die halben Anschaffungs- bzw. Wiederbeschaffungskosten angesetzt werden (siehe Durchschnittswertmethode). Das so ermittelte Vermögen wird als betriebsnotwendiges Anlagevermögen bezeichnet.

Für das betriebsnotwendige Umlaufvermögen werden, wenn vorhanden, Jahresdurchschnittswerte und nicht die Werte zum Bilanzstichtag in Ansatz gebracht. Der Grund hierfür besteht darin, dass die Stichtagswerte oft von Sondereinflüssen abhängen. Beispielsweise werden die Lagerbestände zum Bilanzstichtag oft auf ein Minimum reduziert, um die notwendige körperliche Inventur möglichst wenig aufwendig zu gestalten.

Die Summe aus betriebsnotwendigem AV und betriebsnotwendigen UV wird als betriebsnotwendiges Vermögen bezeichnet.

Von dem so ermittelten betriebsnotwendigen Vermögen wird nun das Abzugskapital subtrahiert. Das Ergebnis der Subtraktion wird als betriebsnotwendiges Kapital bezeichnet.

Unter Abzugskapital versteht man diejenigen Fremdkapitalteile, die dem Unternehmen zinslos zur Verfügung stehen.

Dies sind z.B. zinslos erhaltene Lieferantenkredite, zinslose Gesellschafterdarlehen und Anzahlungen von Kunden.

Auch die Rückstellungen (z.B. Gewerbesteuerrückstellungen) stellen Fremdkapital dar, welches dem Unternehmen zinslos zur Verfügung steht. Weiterhin sind sonstige Verbindlichkeiten zu nennen (antizipative Rechnungsabgrenzungsposten), die Aufwendungen des laufenden Geschäftsjahres enthalten, die erst im folgenden Jahr zu Ausgaben führen.

Beim Lieferantenkredit ist zu berücksichtigen, dass dieser in Wahrheit nicht zinslos zur Verfügung steht, da bei Zahlung innerhalb einer bestimmten Frist vom Bruttorechnungsbetrag meist Skonto in Abzug gebracht werden kann. Im Bruttorechnungsbetrag steckt Skonto als eine Art versteckter Zins. Bei der Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals lässt man deshalb meist nicht die vollen Lieferantenverbindlichkeiten in das Abzugskapital einfließen, sondern zieht vom Bruttobetrag den Skonto ab.

Beispiel:

Bruttorechnungsbetrag         100.000

Skonto 2 %

Rechnungsbetrag abzüglich Skonto 98.000

Diese Lieferantenverbindlichkeit fließt nun lediglich mit einem Betrag von 98.000 in das Abzugskapital ein.

Schematische Darstellung zur Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals:

 

Zins

 

Bei der Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals braucht keine Rücksicht darauf genommen zu werden, welche Teile eigen- und welche fremdfinanziert sind. Man setzt für das gesamte betriebsnotwendige Kapital kalkulatorische Zinsen an. Die tatsächlich gezahlten Fremdkapitalzinsen werden auf einem neutralen Erfolgskonto gebucht (beim GKR in Kontenklasse 2) und mindern so das Unternehmensergebnis, während die kalkulatorischen Zinsen auf einem Kostenkonto (beim GKR in Kontenklasse 4) erfasst werden und damit das Betriebsergebnis beeinflussen.

 

Buchtechnisch:

Betriebsnotwendiges Kapital: 2.000.000 €

Kalkulatorischer Zinssatz: 10 %

Tatsächlich gezahlter Fremdkapitalzins: 50.000 €

 

1. Zinsaufwand (2)/ Bank (1)     50.000

2. Kalk. Zinsen (4)/ verr. kalk. Kosten (2)         200.000

3. NEK (9)/ Zinsaufwand (2)     50.000

4. verr. kalk. Zinsen (4)/ NEK (9)          200.000

5. BEK (9)/ kalk. Zinsen (4)      200.000

6. NEK (9)/ GuV (9)      150.000

7. GuV (9)/ BEK (9)      200.000

 

Das Betriebsergebniskonto weist Kosten in Höhe von 200.000 € aus, während in der GuV steuerlich per Saldo lediglich die tatsächlich gezahlten 50.000 € Fremdkapitalzinsen erfolgswirksam werden.

Darstellung in Kontenform:

 

Zins

 

Beispiel zu Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals:

Werte aus der Buchhaltung (nicht betriebsnotwendige Teile sind schon eliminiert):

 

Zins

 

Weitere Annahmen:

Höhe Fremdkapital                                    300.000

effektiver FK-Zins                                         10 %

kalk. Zins                                                       8 %

 

Tatsächliche gezahlte Zinsen: 300.000 * 0,1 = 30.000

kalk. Zinsen:1.850.000 * 0,08 = 148.000

 

5. Bemessungsgrundlage für die kalkulatorischen Zinsen

Als Bemessungsgrundlage für die kalkulatorischen Zinsen stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung:

  • die Anschaffungskosten
  • die Wiederbeschaffungskosten
  • die kalkulatorischen Restwerte (Restwertmethode)

Umstritten ist die Frage, ob die Berechnung der kalkulatorischen Zinsen auf der Basis der Anschaffungskosten oder der aktuellen Wiederbeschaffungswerte erfolgen soll. Für den Anschaffungswert spricht, dass er dem tatsächlich investierten Kapital entspricht.

Dem entgegen steht die Überlegung, dass vor allem in Gegenständen des AV erhebliche stille Reserven stecken können, die bei einer Veräußerung der entsprechenden Vermögensgegenstände aufgelöst würden und als liquide Mittel zur Verfügung stünden. Diese könnten dann zum aktuellen Zinssatz am Kapitalmarkt investiert werden. Aus diesem Grund wird als Bemessungsgrundlage für die kalkulatorischen Zinsen oft auch der Wiederbeschaffungswert gewählt.

Wird von kalkulatorischen Restwerten ausgegangen, so entspricht dies dem Ansatz der Wiederbeschaffungswerte, wenn die kalkulatorischen Abschreibungen ebenfalls vom Wiederbeschaffungswert vorgenommen werden.

Zusätzliche Informationen